WAZ-Reporterin Annika Fischer. Foto: Jochen Tack

Annika Fischer arbeitet seit 18 Jahren als „rasende“ Reporterin bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Für eine gute Geschichte überwindet sie ihre Höhenangst und begibt sich auch schon einmal in gefährliche Situationen. Im Interview verrät sie, was sie an ihrem Job so begeistert und warum Zeit dabei so wichtig ist.

Als WAZ-Reporterin kommt Annika Fischer an Orte, an die sonst keiner kommt.  Sie begleitete den Abschied vom Steinkohle-Bergbau und sprach mit Mördern über Reue in einem Hochsicherheitsgefängnis. Bei ihren Recherchen trifft Annika Fischer immer wieder auf traurige und wütende Menschen. Ihre Devise dabei: Zuhören und sich Zeit nehmen. Nur so kann am Ende eine gute Reportage entstehen.

Wie kam es dazu, dass du Reporterin bei der WAZ geworden bist?

Ich habe immer schon gern geschrieben. Ich liebe es, Geschichten zu erzählen und  mit der Sprache Bilder entstehen zu lassen. Im Volontariat kam ich dann auch in das Ressort Reportage – damals noch ein eigenes Ressort – da habe ich die Reportage für mich entdeckt und unglaublich viel von den Kollegen gelernt. 2001 bin ich dann Reporterin geworden. Heute gehören wir zum Ressort Rhein-Ruhr, wo wir großen Wert auf Reportagen legen. Wir sind die „rasenden Reporter“, wenn irgendwo in NRW etwas passiert.

Wie oft kommt es vor, dass sich dein Tag ganz anders gestaltet, als du morgens noch dachtest?

Das passiert regelmäßig. Es gab einen schweren Unfall, oder ein Sturm tobt, und dann überlegen wir mit der Redaktion, ob wir dorthin fahren. Ein besonders großer Einsatz, der unerwartet über mich kam, liegt schon etwas zurück. Das waren die terroristischen Anschläge von Brüssel. Im Radio hatte ich davon schon morgens gehört, konnte es aber noch nicht richtig einschätzen. Da man weder mit dem Flugzeug noch mit dem Zug nach Brüssel kam, bin ich … mit dem Auto dorthin gefahren. Erst auf dem Rückweg nach zwei Tagen habe ich dann gemerkt, dass ich nicht mehr die leiseste Ahnung hatte, wie ich dorthin gekommen war. Ich habe auf der Fahrt funktioniert und die ganze Zeit belgische Radiosender gehört.

Für eine Reportage über das Angeln an der Ruhr schlüpfte Annika Fischer in Gummistiefel und lief durch einen Ruhr-Abschnitt in Mülheim. Foto: Jochen Tack

Die Redaktion hätte ja auch einfach einen Agentur-Text nehmen können…

Seitens der Chefredaktion war es ganz klar der Wunsch, dass ein Reporter dahin fährt. Es hat sich über die Jahre bewährt, bei Lagen selbst vor Ort zu sein. Wir sind näher dran, können Emotionen aufnehmen und können eine eigene Geschichte erzählen, die nicht jeder hat. Beim letzten Elbe-Hochwasser 2013 haben wir zunächst auf Agenturen gesetzt, dann aber gemerkt, dass die Nähe zum Geschehen fehlt. Wir wollten mit Menschen sprechen, die betroffen sind, vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Ich bin dann mit einem Fotografen dorthin gefahren und konnte viel emotionaler berichten.

Als Reporterin kommst du an Orte, an die nicht jeder kommt.

Das stimmt. Bis zum Abschied vom Steinkohle-Bergbau im Dezember 2018 bin ich mehrfach unter Tage gewesen. Ich war zum Thema „Reue und Sühne“ im Hochsicherheitsgefängnis und habe mit Mördern gesprochen. 2017 war ich beim Durchbruch des Abwasserkanals der Emscher. Erst ging es hinab in die Tiefe und dann bin ich in einen Korb gestiegen, der an einem Kran hing. Da habe ich meine Höhenangst überwunden und die Abenteuerlust siegte.

Annika Fischer berichtete auch über den Tag des Bergbau-Abschieds im Bergwerk Prosper-Haniel. Bergmänner erzählten ihr, wie schwer ihnen der Abschied von der Kohleförderung fällt. Foto: Kai Kitschenberg

Bist du bei deiner Arbeit schon einmal in Gefahr geraten?

Wir bei der WAZ haben ja die Weihnachtsspendenaktion mit der Kindernothilfe, dafür reisen wir in Länder der Dritten Welt, um über Projekte für Kinder zu berichten, für die unsere Leser dann spenden können. Dafür war ich zum Beispiel zweimal im Libanon. Gefahr habe ich subjektiv gar nicht empfunden, aber es wurde vor Ort sehr auf uns aufgepasst, und wenn man in die dritte, schwer bewaffnete Polizeikontrolle kommt, entwickelt man eine gewisse Vorsicht.

Gefährlich wurde es auch einmal auf einer Demonstration im Vorfeld eines Weltwirtschaftsgipfels. Da bin ich in eine Straßenschlacht geraten, Steine wurden geworfen und ich war mittendrin. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und ich habe Tränengas abbekommen. Da war mir mulmig. Ich habe den Fehler gemacht, zu nah ran zu gehen. Das würde mir heute wahrscheinlich nicht mehr passieren.

Du triffst oft auf traurige und wütende Menschen. Wie gehst du damit um?

Ich gehöre nicht zu denen, die diese Menschen unerwartet ansprechen. Ich bin eher jemand, der zuhört. In sogenannten Lagen beobachte ich erst einmal und schaue, wie die Menschen reagieren. Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine vor vier Jahren habe ich allerdings etwas anderes erlebt: Es waren sehr viele Reporter aus verschiedenen Ländern vor Ort in Haltern, das um 16 Schüler und zwei Lehrerinnen einer Schule trauerte, und einige waren nicht gerade zurückhaltend. Die Angehörigen sind teilweise regelrecht überfallen worden, auch mit Kameras. Das würde ich nie machen. Es ist aber natürlich etwas anderes, wenn jemand signalisiert, dass er gerne reden möchte. Oft nehme ich dann etwas später Kontakt zu den Angehörigen auf – am liebsten über Mittelsleute.

Der Schlüssel, um gute Geschichten schreiben zu können, ist sicherlich auch Zeit.

Das ist ein Luxus, den wir glücklicherweise  noch haben. Für Gespräche nehme ich mir immer Zeit. Ich bin sehr dankbar, wenn sich Menschen mir gegenüber öffnen und das Vertrauen haben, mir ihre Geschichte zu erzählen.
Auch für eine Reportage über eine Demenz-WG war Zeit wichtig: Eine Woche verbrachte ich in der Wohngemeinschaft. Das Schöne war, dass ich dort eine Weile den Alltag der Bewohner erleben konnte. Die Menschen öffnen sich dann natürlich sehr viel mehr, als wenn du nur für eine Stunde zum Interview dorthin kommst. Das spiegelt sich auch in der Reportage wider.

Bei einer Großdemonstration 2017 in Köln schickte Reporterin Annika Fischer auf einem Bordstein sitzend die ersten Meldungen mit ihrem Laptop raus. Foto: Jochen Tack

Auf die Menschen prasseln tagtäglich viele Nachrichten ein. Hast du das Gefühl, immer über ein kurioses und extremes Thema schreiben zu müssen, um den Leser noch zu erreichen?

Ich habe eher das Gefühl, dass wir häufiger an die Basis zurück müssen. Eben weil wir so oft über das Besondere schreiben, müssen wir aufpassen, dass wir das Normale nicht aus den Augen verlieren. Wichtig ist das Herunterbrechen von Themen. Was bedeutet dieses Gesetz für Oma Herta? Was macht das Kita-Gesetz mit einer alleinerziehenden Mutter?

Wie hat sich deine Arbeit durch die Digitalisierung verändert?

Mit Nachrichten muss man natürlich schneller sein. Das klappt ganz gut. Aus Gerichtsprozessen, wie beispielsweise dem Loveparade-Prozess, schicke ich aktuell die Neuigkeit mit Smartphone und Laptop raus. Aber ich nehme mir hinterher immer die Zeit, die Geschichte noch mal ausführlich und in Reportageform neu zu erzählen.

Interview: Jana Tessaring

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