Theresa Langwald und Philipp Nesbach aus der nah&direkt Podcast-Redaktion
Theresa Langwald und Philipp Nesbach aus der nah&direkt Podcast-Redaktion

 

Podcasts sind aktuell die Medien der Stunde: Schon vor der Corona-Pandemie konnte es sich kaum ein Medienhaus leisten, den eigenen Zielgruppen keine Audioangebote zu unterbreiten. Seit den harten Beschränkungen des öffentlichen Lebens sind digitale Informations- und Unterhaltungsangebote so gefragt wie nie.  In NRW bieten WAZ, NRZ, WP und WR ihren Lesern zwei Formate an: Mit Nah&Direkt bieten die Redaktionen seit September 2019 jeden Freitag Gespräche zu aktuellen Themen wie „Mangelware Kitaplatz“ oder ganz frisch „Das Corona-Update für NRW“. Und neuerdings gibt es seit dem 16. März mit „Der Gerichtsreporter“ auch einen Crime-Podcast der NRW-Titel. Während Nah&Direkt für die Hörer Hintergründe zum Top-Thema der Woche bietet, geht man mit dem neuen Krimi–Podcast einen anderen Weg. „Wir wollen monothematisch eine ganz spezifische Zielgruppe ansprechen“, erklärt Johanna Baumann, die in der Verlagsgeschäftsführung NRW für Verlagsentwicklungen zuständig ist.

Betreut werden beide Podcasts von Redakteurin Theresa Langwald; zusammen mit Kollege Philipp Nesbach entwickelte sie schon im Volontariat das Konzept für beide Formate.

Seit März gibt es mit „Der Gerichtsreporter“ einen Crime-Podcast in NRW. Was können die Hörer und Hörerinnen erwarten?

Philipp Nesbach: Der Podcast bietet spektakuläre Kriminalfälle aus NRW, unseren langjährigen Gerichtsreporter Stefan Wette als Experten und unsere Moderatorin Brinja Bormann als „Sidekick“. Im zweiwöchigen Rhythmus wird eine neue Folge mit einer Länge von circa 30 Minuten erscheinen. Es wird dabei um ganz unterschiedliche Verbrechen gehen, von Wirtschaftsmorden hin zu Geiselnahmen. Die Fälle liegen alle durchschnittlich 20 bis 40 Jahre zurück. Der älteste Fall stammt sogar aus der Weimarer Republik und handelt vom Serienmörder Peter Kürten, dem sogenannten „Vampir von Düsseldorf“.

Theresa Langwald: Crime-Podcasts sind gerade sehr beliebt. Die Themenzusammenstellung ergibt sich bei uns aus Vorschlägen der Redaktion und spannenden Fällen aus Stefan Wettes Archiv. Er hat immerhin 35 Jahre Erfahrung als Gerichtsreporter.

Erst seit drei Wochen gibt es das Krimi-Format mit Stefan Wette und Brinja Bormann. Derzeit sind fünf Folgen zu hören, die aktuelle Folge erschien am Montag (6. April). Aber die Abrufzahlen überschlagen sich …

Theresa Langwald: Das stimmt. Allein in den ersten drei Wochen konnten wir über 25.000 Hörer erreichen. Es gibt keine aktuelle Berichterstattung dazu. Trotzdem haben wir einen Nerv getroffen. Das freut uns natürlich sehr.

Wie erklärt ihr euch die anhaltende Beliebtheit von Podcasts?

Philipp Nesbach: Podcasts treffen als Format einfach den Zeitgeist. Wir konsumieren Medieninhalte und Nachrichten inzwischen hauptsächlich auf dem Smartphone, on the go, gerne auch als „snackable Content“. Außerdem findet in der Vielfalt des Angebots jeder einen Nischen-Podcast, der die eigenen Interessen anspricht.

Theresa Langwald: Podcasts sind eine enorme Chance für den Journalismus. Es gibt noch keine festen Regeln und Standards, das lässt viel Freiraum für kreative Formate. Und als „Stimme im Ohr“ ist man zudem viel näher an den Hörerinnen und Hörern. Gleichzeitig fördern wir auch die Bekanntheit der Marken der FUNKE Medien NRW bei einer Zielgruppe, die sich nicht mehr so stark von klassischen Angeboten angesprochen fühlt.

Die NAH & DIREKT Moderatoren Brinja Bormann und Jan Reckweg
Die NAH & DIREKT Moderatoren Brinja Bormann und Jan Reckweg

Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen den Zeitungen und Nachrichtenportalen und den Podcasts?

Philipp Nesbach: Nah&Direkt ist ganz klar ein Angebot, das auf die Berichterstattung der Titel verweist.  Hier ziehen wir die Themen und Autoren aus der jüngsten Online- und Printberichterstattung der Funke-Titel heran und weisen im Podcast und auf der Website wiederum auf weiterführende Artikel und Themenseiten in unseren Zeitungen und Nachrichtenportalen hin. Eventuell entstehen dadurch sogar neue thematische Impulse für die Lokalredaktionen.

Bei “Der Gerichtsreporter“ als themenspezifischen Podcast ist außerdem angedacht, passende Werbekooperationen einzugehen. Hier wäre zudem denkbar, dass in der Zukunft auch mal ein Print-Produkt mit den spannendsten Fällen aus NRW entsteht.

Nah&Direkt unterscheidet sich stark von anderen Podcasts, die meist monothematisch aufgebaut sind. Wie würdet ihr das Konzept von Nah&Direkt zusammenfassen?

Philipp Nesbach: Seit September 2019 gibt es unseren wöchentlich erscheinenden Podcast, der ein Thema aufgreift, das NRW gerade bewegt – ob auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder politischer Ebene. Unsere Moderatoren Brinja Bormann und Jan Reckweg kommen dabei mit den entsprechenden Redakteuren, Experten und mit Menschen aus der Region ins Gespräch, die das Thema der jeweiligen Folge besonders betrifft.

Theresa Langwald: Der Podcast basiert auf einem Konzept der Verlagsgeschäftsführung. Der Wunsch war es, einen Hintergrund-Podcast der NRW-Zeitungen und -Nachrichtenportale ins Leben zu rufen, der eine jüngere Zielgruppe anspricht, als es die klassischen Zeitungsleser und -leserinnen derzeit sind. Ich versuche, mit meiner Arbeit den Podcast zu standardisieren und zu optimieren. Dabei haben wir in den vergangenen Monaten viel gelernt, zum Beispiel, dass es eine intensive Vorbereitung und ein flexibles Skript braucht, um aus dem Gespräch eine spannende Podcast-Unterhaltung zu machen.

Wie sieht eine Woche eurer redaktionellen Arbeit in Vorbereitung auf die Podcast-Aufnahme aus?

Theresa Langwald: Im ersten Schritt scannen wir die aktuellen News-Themen und schauen, was davon für unsere Zielgruppe relevant sein könnte. Haben wir uns auf ein Thema festgelegt, fragen wir WAZ-, NRZ- und WP-Redakteure und -Redakteurinnen, die zu dem ausgewählten Thema etwas verfasst haben, und externe Experten und Expertinnen als Gesprächsgäste an. Dabei suchen wir die Gäste für die Folge entweder so aus, dass sie sich in ihrer Expertise ideal ergänzen oder wir wählen den zweiten Gesprächsgast als Gegenpol zum anderen aus. Mit Brinja und Jan entwickeln wir einen Gesprächsleitfaden für alle Beteiligten, damit jeder ungefähr weiß, in welche Richtung das Gespräch aus redaktioneller Sicht gehen soll. Dann geht es zur Aufnahme ins Podcast-Studio. Die Technik und Ausstattung stellen die Kolleginnen und Kollegen von Westfunk.

Philipp Nesbach: Im Kontext dieser Arbeitsweise sind Themen, die man im Voraus planen kann, ideal. Ganz spontane Reaktionen auf Ereignisse, die zehn Minuten vor der Aufnahme geschehen sind, sind schwieriger. Aktuelle Themen stehen aber im Fokus bei Nah&Direkt. Was wir gemerkt haben, ist, dass „harte“ Themen bei unserer Zielgruppe besser funktionieren als „weiche“. Also zum Beispiel die Podcast-Folgen über die Krise bei Thyssenkrupp (Folge 6) oder über die sogenannten Problemviertel Duisburg-Marxloh und –Hochfeld (Folge 19).

Theresa Langwald: Im Anschluss an die Aufnahme hören wir uns die Rohfassung an, wählen das Einstiegszitat aus und schauen, wo noch geschnitten werden muss. Um den detailgenauen Schnitt und die Postproduktion kümmern sich Brinja und Jan. Für uns beide schließt sich dann noch die Arbeit an Teaser-Texten für die Streaming-Dienste, für die Online-Portale der NRW Zeitungen und für den Nah&Direkt-Blog an. Das Social-Media-Team teilt die aktuelle Folge nach Erscheinen am Freitag dann auf den entsprechenden Kanälen.

Wie entscheidet ihr, welche Themen ihr in den Folgen aufgreift?

Philipp Nesbach: Die Auswahl der Themen ist immer eine Mischung aus Agieren und Reagieren. Wir nehmen aktiv wahr, wenn sich in einem Bereich etwas Spannendes tut, fassen das Thema bewusst ins Auge und versuchen stets, zum Beginn der Aufzeichnung auf dem aktuellsten Stand zu sein. Die  „Fridays for Future“-Bewegung war  beispielsweise ein Folgethema, welches wir anlässlich des weltweiten Klimastreiks gut planen konnten. Außerdem müssen wir bei der Themenauswahl immer auch abwiegen, ob ein Thema gerade nur kurzfristig relevant ist oder sogar über längere Zeit im öffentlichen Diskurs bleibt.

Theresa Langwald: Wir behandeln Themen, die in einer längeren Phase aktuell und gesellschaftlich relevant sind oder regelmäßig immer wieder aktuell werden. Teilweise greifen wir auch Themenschwerpunkte der regionalen Zeitungen auf – wie zum Beispiel das Thema „Der Wolf in NRW“. Aktuell haben wir mit „Das Corona-Update für NRW“ sogar einen Spin-off von nah&direkt, in dem wir uns ausschließlich mit der Corona-Krise und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Gesellschaft, Arbeitswelt, Wirtschaft usw. in NRW beschäftigen.

Ganz anders sieht der Podcast mit Stefan Wette aus. Die Themen sind teilweise historisch.

Theresa Langwald: Ganz genau. Wir gehen nicht auf aktuelle Kriminalfälle ein, weil wir nicht in den Bereich der Spekulation rutschen und weil wir nicht zu sehr aufwühlen wollen, wenn die Taten noch sehr „frisch“ sind. Spannend sind die Fälle, über die wir viel erzählen können, weil Stefan gesicherte Informationen dazu hat. Da schaut man schnell eher ins Archiv.

 

Die fünf ersten Folgen von „Der Gerichtsreporter“:

„LEBEN, TÖTEN, STERBEN“ – Die traurige Existenz des Jürgen Bartsch.
Die „Bestie von Langenberg“, der „Teufel in Menschengestalt“ – so nannten ihn die Medien. Die Fahndungsfotos hingen an Bäumen und Litfaßsäulen. Auch in den Zeitungen war das grobkörnige Bild abgedruckt, das den Kirmes-Mörder mit einem kleinen Jungen in einem Autoscooter zeigte. Doch nachdem die Leichen der vier Jungen in einem Langenberger Stollen gefunden worden waren, dauerte es noch ein paar Tage, bis die Polizei dem richtigen Täter auf die Spur kam: Jürgen Bartsch. Ein Jahrhundert-Prozess beginnt.

„EIN LEBEN IM VERSTECK“ – Das Schicksal des entführten Aldi-Milliardärs
Gerichtsprozesse sind eine ernste Angelegenheit. Es geht um Menschen an Abgründen, das Leid der Opfer, die Macht der Paragrafen. Das ist das Recht. Aber es gibt Ausnahmen. Selten ist in einem deutschen Gerichtssaal so viel gelacht worden wie in Saal 101 des Essener Landgerichtes, als vom 10. bis 23. Januar 1973 über die beiden Entführer des Essener Discounter-Gründers Theo Albrecht zu urteilen war: Diamanten-Paule und Heinz-Joachim Ollenburg aus Düsseldorf plauderten aus dem harten Leben freundlicher Kidnapper. Dabei hatten sie das Leben einer ganzen Familie zerstört.

„TÖDLICHER BABYBREI“ – Der Milupa-Mörder
Ein Krankenpfleger und eine gut 30 Jahre jüngere Schwesternschülerin lernen sich kennen und eine verhängnisvolle Beziehung beginnt. Die Schwesternschülerin Mechthild W. wird schwanger. Doch ist das Kind wirklich von ihm? Er will heiraten, sie nicht. Er drängt auf Abtreibung, sie zieht aus. Die Geschichte einer tragischen Beziehung, die in Stalking, Psychoterror und schlussendlich einem Mordversuch endet, der ungeahnte, aber ebenso tödliche Folgen hat.

 „EIN MANN, ZWEI GESICHTER“ – Der Vampir von Düsseldorf
Peter Kürten, der Mann mit den zwei Gesichtern, versetzt Ende der 1920er Jahre eine ganze Region in Aufruhr. Polizei und Bürgerwehren scheinen angesichts des gefährlichen Serienmörders hilflos. Sieben Mädchen und Frauen sowie ein Mann fallen dem Düsseldorfer 1929 zum Opfer. Besonders perfide: Von einigen der Opfer trinkt er das Blut, erhält so seinen Spitznamen „Vampir von Düsseldorf“. Nur durch einen Zufall kann die beispiellose Mordserie schließlich beendet werden.

„STEILER AUFSTIEG, SCHNELLER FALL“ – Der Ölkönig von Wanne-Eickel
170 Millionen Euro – diese wahnwitzige Summe hat der Tankstellenbetreiber Erhard Goldbach an den Staatskassen vorbeigeschleust. Dank eines ausgeklügelten Schneeballsystems und den richtigen Freunden, kam der Goldin-Millionär lange ungestraft davon. Was der Fußballverein Westfalia Herne und ein Puff bei Köln mit einem der größten Steuerschäden in der deutschen Geschichte zu tun hat und wie die Ermittler Goldbach nach jahrelangem Verdacht doch fassen konnten, erzählt Stefan Wette in einer neuen Folge von „Der Gerichtsreporter“.

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Interview: Katrin Lückhoff

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