Jan Hollitzer, Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen". Foto: FMG

Es ist der 19. Dezember 2016 Gegen 20 Uhr lenkt der islamische Terrorist Anis Amri einen LKW in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. In den Medien und in Deutschland herrscht ungläubiges Entsetzen über dieses Attentat. Zwölf Menschen sterben, 67 werden verletzt.

Jan Hollitzer (38), zu dieser Zeit stellvertretender Chefredakteur bei FUNKEs Berliner Morgenpost, war in unmittelbarer Nähe des Geschehens. Er begab sich zum Unglücksort und berichtete mit einem Live-Video.

In Ausnahmesituationen stehen Journalisten und Medienmacher vor wichtigen Fragen: Was berichte ich? Was ist vertretbar? Wie verhalte ich mich? Wie groß ist die Gefahr für mein Leben, wenn ich dort mitten hineingehe? Ich habe mit ihm gesprochen und versucht, uns den Problemen zu nähern, die entstehen, wenn Journalisten in Ausnahmesituationen geraten.

„Ich bin ganz in die Rolle des Journalisten gefallen.“

Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags am Breitscheidplatz. Foto: Reto Klar

Jan Hollitzer sagt: „Als Journalist war für mich schnell klar: Ich muss dort hin, ich muss die Öffentlichkeit informieren!“ Aber wie? Und was ist die angemessene Art zu berichten? Die Ereignisse überschlugen sich, er hatte also nur wenige Momente zu überlegen, wie er mit dieser Situation umgehen soll. „Ich bin in meine Rolle als Journalist voll und ganz hineingefallen. Ich bin dankbar, dass ich eine gute Ausbildung hatte, aber ich glaube nicht, dass man das richtige Verhalten hierfür trainieren kann“, sagt er direkt zu Beginn unseres Gesprächs.

Ob er Angst hatte, frage ich ihn. Er antwortet ehrlich und sehr schnell: „Ja, ich habe schon Angst gehabt. Ich wusste nicht, ob dort noch jemand rumläuft und vielleicht bewaffnet ist und auf die Leute schießt. Das komplette Risiko kann man in so einem Moment nicht abschätzen. Bei mir hat sich aber der Journalist durchgesetzt. Ich dachte mir, ich muss darüber jetzt berichten – direkt und unverfälscht. Das ist etwas, was die Menschen erfahren müssen.“ Rückblickend sagt er, er sah es als seinen Auftrag an, die Öffentlichkeit zu informieren und das stand für ihn über der Gefahr für seine Person.

Er hat sich nach dem Anschlag mit einem Psychologen zusammengesetzt und das Geschehen noch einmal aufgearbeitet. Er fand es wichtig und wollte auch verstehen, was genau ihm da widerfahren ist und warum er wie gehandelt hat. Jan Hollitzer ist sich sicher, dass es innere, individuelle Mechanismen gab, die automatisch gegriffen haben. Er ist sich aber ebenso sicher, dass diese in einer anderen Situation oder bei einem anderen Menschen möglicherweise nicht funktionieren könnten: „Es ist hochgradig individuell, wie ein Journalist darauf reagiert, was gerade vor sich geht. Das kann man nicht vorhersagen. Man ist Journalist, aber auch ein Mensch mit einer ganz eigenen Persönlichkeit.“

„Man darf in einer Ausnahmesituation nur Tatsachen berichten, keine Gerüchte verbreiten“, erklärt er eindringlich. Im Arbeitsalltag der Nachrichtenredaktionen kennt man das: Es wird recherchiert, Quellen werden gesucht, Fakten überprüft und verifiziert. Dazu blieb in diesem Fall nicht genug Zeit, wie also vorgehen? „Ich habe mich an meine Ausbildung erinnert, an die journalistischen Grundsätze, die wir alle gelernt haben und die unsere tägliche Arbeit bestimmen“, sagt er. Das Prinzip der Sorgfaltspflicht, die die Grundlage für journalistische Qualität bildet, rief er sich immer wieder ins Bewusstsein.

„Wir hatten einen Alarmplan“

Da für Deutschland und besonders für Berlin bereits eine offizielle Terror-Bedrohung bestand, hatte sich die gesamte Redaktion vorbereitet. Jan Hollitzer hält es für sehr sinnvoll, dass die Berliner Morgenpost daher dieses Szenario bereits vorher durchgespielt hatte. „Es gab einen Alarmplan für die Redaktion, der eindeutig vorgab, wie vorzugehen ist, wenn einer unserer Journalisten in eine derartige Situation kommt. Die Chefredaktion wird in Kenntnis gesetzt und über eine spezielle Alarmgruppe werden alle andere Redaktionsmitglieder ebenfalls darüber informiert, Ressourcen zur Verfügung zu stellen und über die Geschehnisse zu berichten.“

Trauerbekundungen am Tag nach dem Anschlag. Foto: Reto Klar

Das Team der Berliner Morgenpost hatte sich damals dazu entschieden, das Video über Facebook Live zu spielen. „In derartigen Ausnahmesituationen gibt es immer Personen, die sehr schnell die Deutungshoheit für sich beanspruchen. Das ist aber nicht ganz unkompliziert, da man zu diesem Zeitpunkt nicht alle Fakten kennt“, sagt Jan Hollitzer. Dezent und vorsichtig wollte er darum berichten, nicht reißerisch. Er nennt es: „Sagen, was man sieht – nicht interpretieren.“ Das Video selbst sowie die Art der Berichterstattung waren nicht unumstritten. Der Presserat sah keine Notwendigkeit zur Beanstandung und auch die zivilrechtlichen Anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung wurden zurückgewiesen. Rückblickend, so sagt Ja Hollitzer, hätte man auch erst Material sammeln können und anschließend sichten und berichten.

Eines der zentralen Probleme spricht er an dieser Stelle an: „Es sind alles ad-hoc-Entscheidungen, die man trifft. Man gerät auch als Mensch in diese Situation und wie dann jemand reagiert, ist absolut individuell. Du hast keine Zeit um lange zu überlegen, du musst wissen, was du zu tun hast und dich auf deine Erfahrungen als Journalist verlassen.“

„Interne und externe Mechanismen müssen funktionieren“

Einige Maßnahmen könne man aber vorab ergreifen, um angemessen und journalistisch sauber zu berichten. Die Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen abfragen, herausfinden, wer sich selbst in der Lage sieht, zu berichten. Für Journalisten gibt es bereits Schulungen und Workshops, die dieses Thema behandeln. Sinnvoll sei das durchaus, aber vollständig vorbereitet zu sein hält er kaum für möglich: „Man kann viel darüber theoretisieren, aber die Realität ist dann eine andere – plötzlich bist du mittendrin. Trotzdem ist es sinnvoll, sich mit dem Thema zu beschäftigen und sich und die Redaktion für derartige Situationen vorzubereiten.“

„Letztendlich“, sagt Jan Hollitzer, „spielt es eine große Rolle, wie man als Mensch reagiert und als Journalist agiert. In diesem Fall gab es diese inneren Mechanismen, die bei mir gegriffen haben und darüber hinaus die externen Mechanismen, also die professionelle Vorbereitung der kompletten Redaktion. Ich bin sehr dankbar, dass diese Mechanismen bei dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz funktionierten. Deshalb konnten wir auch in dieser Ausnahmesituation journalistisch korrekt arbeiten und die Öffentlichkeit über dieses unfassbar schlimme Ereignis unmittelbar, aber angemessen informieren.“

Text: Martin Körner

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