WAZ-Projektkoordinator Philipp Wahl.

Im Juli 2017 startete die WAZ das Projekt Bochum, kurz „ProBo“. Ein innovatives journalistisches Pilotprojekt, ein Versuchslabor für den Lokaljournalismus von morgen. WAZ-Projektkoordinator Philipp Wahl zieht im Interview Bilanz und erläutert das Konzept hinter dem Projekt.

Mit ProBo wollten Sie gezielt experimentieren und ein Labor für Lokaljournalismus schaffen. Wie hat dieses Experiment funktioniert?

Philipp Wahl: Wir wollten in Bochum den Freiraum schaffen, kontrolliert experimentieren und querdenken zu können – ein Labor mit gelebter Fehlerkultur. Das hat gut geklappt, weil WAZ-Chefredaktion und Geschäftsführung mit zwei zusätzlichen Stellen die Voraussetzungen dafür geschaffen haben. So hatten alle Mitglieder der Lokal-/Projektredaktion auch die Zeit, sich auf Experimente einzulassen.

Quotecard zum Gemeinschaftsprojekt „Mehr als Kohle“ von WAZ und den Lokalradios.

Das haben die Kolleginnen und Kollegen beispielsweise gemacht, als sie für die Tour der guten Nachrichten anders recherchiert, für „70 Jahre WAZ – 70 Jahre Bochum“ als mobile Reporter ihr Smartphone als Tool genutzt oder wie bei „Mehr als Kohle“ online first gearbeitet haben, noch dazu gemeinsam mit Hörfunk-Kollegen. Das Experimentieren war aber kein Selbstzweck: ProBO sollte den WAZ-Lesern und all unseren Lokalredaktionen nützen.

Wie hat das geklappt?

Von den Lesern haben wir viel positive Rückmeldung erhalten, zuletzt in Gesprächsrunden mit Teilnehmern unserer quantitativen Befragung. Wir wurden auch kritisiert, das war besonders lehrreich. Es ist dabei zum Beispiel deutlich geworden, wie wichtig unseren Abonnenten kritischer Journalismus ist. Sie wollen Hintergrund und Einordnung, dass wir nachsetzen und dranbleiben an wichtigen Themen, dass wir selber Wichtiges thematisieren statt nur zu berichten. Sie haben in Bochum gemerkt, dass wir sie ernst nehmen, transparent arbeiten und uns für sie ins Zeug legen, denke ich. Es spricht viel dafür, dass ProBO einen wichtigen Anteil an der Auflagen-Entwicklung in Bochum hat. Sie ist signifikant besser als an anderen Standorten und als vor dem Projekt. Zweitens haben von den Erfahrungen bei ProBO auch die anderen Lokalredaktionen etwas.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Die Mitglieder der Bochumer WAZ-Lokalredaktion beim Start der „Tour der guten Nachrichten“ mit dem WAZ-Mobil im Juli 2017. Foto: Ingo Otto

Wir haben einige Ideen über den Instrumentenkasten der WAZ in alle Lokalredaktionen ausgerollt: die Seiten mit Stadtteil-Statistik zum Beispiel. Die Serie porträtiert alle Stadtteile jeweils auf einer Seite mit möglichst wenigen Worten und vielen Grafiken. Das war eine neue Form der Darstellung. Die aufwendige Recherche und Vorbereitung in Bochum und später in jeder Lokalredaktion hat sich ausgezahlt, weil die Redaktionen am Ende effizient und schnell gute Seiten in Serie erstellen konnten.

Im September erschien eine erfolgreich vermarktete Beilage mit der Stadtteil-Statistik. Wie kam es zu dieser Idee?

Auf die Idee sind wir mit WAZ-Objektleiter Frank Hager und Andreas Kuno, dem Verkaufsleiter in Bochum, gekommen. Außerdem hat uns die positive Rückmeldung aus der Leserschaft ermutigt. Also haben wir die Daten-Seiten nochmal gebündelt als 64-seitiges WAZ-Extra gedruckt, ergänzt um Fotos von den Vierteln und Hintergrundartikel. Es hat uns gefreut, dass das Produkt auch für die Sales-Kollegen ein Erfolg war. 

Zeitgleich haben Sie in Bochum den „Stadtteil-Check“ gestartet. Was hat es damit auf sich?

Beim Stadtteil-Check konnten alle Bochumer ihren Stadtteil online und auf Zeitungspapier in 13 Kategorien mit Schulnoten bewerten: Sicherheit und ÖPNV-Anbindung, Gastronomie und Kinderfreundlichkeit zum Beispiel. Bei der Befragung in Bochum haben 5535 Bürger mindestens zehn Fragen beantwortet, zeitgleich in Essen sogar 9893. Die Ergebnisse und redaktionellen Auswertungen sind exklusive Bezahlinhalte, die wir ab Januar auch für eine kleine WAZplus-Vertriebskampagne nutzen möchten. Die Stadtteil-Check-Idee war nicht unsere, sondern die der Kollegen vom Kölner Stadtanzeiger. Als Gemeinschaftsprojekt von WAZ und den NRW-Markenportalen überführt der Stadtteil-Check mehrere ProBO-Schwerpunkte ins Digitale: Es geht um die Welt vor der eigenen Haustür, um die Meinung und die Probleme der Nutzer, um ihre Einbindung. Wenn wir damit jetzt noch digitale Abonnenten gewinnen, gibt’s den Stadtteil-Check bald auch in anderen Städten. 

Wie sind Sie bei ProBo mit Fehlern umgegangen?

Bei ProBO musste niemand Angst davor haben, Fehler zu machen. Als Fehler würde ich allerdings den Test einer Idee, die nicht funktioniert, nicht bezeichnen. Darum geht’s ja beim Experimentieren. Für uns war es zum Beispiel wichtig, sich selbst mit den

WAZ-Familie Kuriewicz aus Bochum. Foto: Svenja Hanusch

Möglichkeiten von „Augmented Reality“ zu beschäftigen, obwohl wir das künftig erstmal nicht mehr anwenden werden. Wir wissen jetzt, welche Voraussetzungen fehlen, um Lesern mit AR einen echten Mehrwert bieten zu können, von dem auch der Verlag etwas hat. Wir wollen nach den Experimenten jeweils ehrlich bilanzieren, ob Aufwand und Nutzen in einem guten Verhältnis stehen. Bei der WAZ-Familie etwa ist der redaktionelle Aufwand so groß, dass ihn nicht jede Lokalredaktion stemmen könnte.

Was sind die drei wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt?

Jeder Beteiligte wird eine andere Top-3 haben, jetzt gerade sind es für mich diese  Erkenntnisse:

  1. Unsere Leser schätzen unser Angebot tatsächlich vor allem wegen der lokalen Inhalte, aber noch stärker als vermutet auch unsere Stadtteil-Berichterstattung. Wir müssen versuchen, diese weiter zu verbessern – im Digitalen und bei der Themenfindung zum Beispiel.
  2. Wir müssten uns regelmäßig gezielt mit unseren Leserinnen und Lesern über unsere Arbeit austauschen, um besser zu werden. Zum Glück hilft uns im Netz das direkte Feedback der Nutzer, sie noch ernster zu nehmen: Informationen über Reichweiten, Leseintensität und Abo-Abschlüsse, aber auch über Nutzungsgewohnheiten.
  3. Im Verlag müssen alle Abteilungen noch enger zusammenarbeiten. Wenn wir als Redaktion mit den Kolleginnen und Kollegen aus Vertrieb, Verkauf und Marketing auch im Arbeitsalltag im engen Austausch stehen und dieselben Ziele verfolgen, sind wir erfolgreicher. Das haben wir bei etlichen ProBO-Projekten festgestellt. Um mit „User First“ erfolgreich zu sein, werden abteilungsübergreifende Projekte und Teams noch viel wichtiger.

Was ist für den „Journalismus der Zukunft“ unabdingbar?

Der Lokaljournalismus der Zukunft nimmt Leser sehr, sehr ernst. Er stellt sich ihre Fragen und beantwortet sie. Das klingt so selbstverständlich, ist es aber noch nicht. Journalisten werden in Zukunft noch weiter gehen: Wir werden Leser als Kunden akzeptieren und dazu – zumindest ein Stück weit – sogar unsere journalistische Autonomie aufgeben, zum Beispiel bei der Themenwahl und beim Timing. Außerdem werden wir Journalisten immer mehr auch zum Vertrieb und zur Vermarktung unserer Geschichten beitragen müssen, zum Beispiel über soziale Medien. 

Das Projekt Bochum wird im ersten Quartal 2019 beendet sein. Wie geht es danach weiter, was wird in den Redaktionsalltag übergehen und was nicht?

Die Bochumer Kolleginnen und Kollegen beenden im neuen Jahr nicht von jetzt auf gleich alles, was wir bei ProBO machen. Im Gegenteil: Im Januar legen sie erst los mit der tiefergehenden Berichterstattung zum Stadtteil-Check. Mit den Umfrage-Ergebnissen und den Themen, die sich daraus ableiten, werden Lokal- und Stadtteilredakteure hoffentlich noch monatelang arbeiten können. Die Redaktion wird außerdem funktionierende Formate wie die Stadtteil-Konferenzen und „1000 Bänke für Bochum“ weiterführen. Die Zeit der Experimente läuft in Bochum nun zwar aus, aber die Fokussierung auf die Bedürfnisse der Leser wird die Redaktion über ProBO hinaus prägen.

Bei der Digital-Offensive gehen wir bei der WAZ im Lokalen nun übrigens wieder mit einem Piloten vor: Wir werden in der Redaktion Essen auch über die Startphase von „User first“ hinaus nach Workflows und Ideen suchen, wie wir die Nutzer über unsere Inhalte an uns binden können. Die Erfahrungen dort tragen wir dann über den WAZ-Instrumentenkasten erneut in die anderen Lokalredaktionen.

Das Interview führte Martin Körner

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